Jugendarbeit, Medien
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Das Internet vergisst nicht – Deshalb muss der Mensch denken

Technologie birgt immer Gefahren. Die Gefahren, dass die Menschen nicht wissen, wie mit ihnen umzugehen ist und das sie deshalb nicht darauf achten welche Auswirkungen ihr umgang damit auslösen kann.

Diese Erfahrung macht in einer natürlich unreflektierten Art und Weise der pubertierende Schüler Jakob in „Homevideo“ (Zu sehen in der ARD Mediathek). Er filmt sich in seiner Verliebtheit beim onanieren und gesteht seinem Schwarm Hanna seine Liebe als Videotagebuch. Als seine Mitschüler die Kamera über seine Mutter ausleihen und die Clips finden, nimmt das Unheil für Jakob seinen Lauf, dessen vorläufiges Ende im Jahre 2011 zwangsläufig erscheint: Das Video landet im Netz und Jakob wird zur Lachnummer der ganzen Schule. Die Eltern in der Klassenkonferenz schwimmen zwischen persönlichen und gesetzlichen Lösungsvorschlägen, kommen aber nicht weiter. Sobald es ein bisschen Grundlegender wird, wird darauf verwiesen, dass dies ja eher ein Thema für die Feuilletons zu sein scheint. Alle Vorschläge von Jakobs Vater, der Polizist ist, gehen auch am Kern des Problems vorbei. Gerichtliche Verfahren wegen Nötigung oder Erpressung stellen die Reputation des jungen Mannes ebenso nicht wieder her, wie das Verbot zur Weiterverbreitung des Videos auf Handys und im Netz.

Damit sich der Film im echten Leben nicht wiederholt brauchen wir eine Gesellschaft der Medienkompetenz.

Der Mensch vergisst das Internet

Im analogen Leben haben wir uns längst gut eingerichtet. Wir können die Geschwindigkeit eines herannahenden Autos beim Überqueren der Straße einschätzen. Wir wissen, dass Pizza direkt aus dem Ofen oft heiß ist. Wir haben das über die Jahre gelernt. Durch hupende Autos, manchmal Schrammen und auch verbrannte Zungen.

Beim Internet und seinen Verbreitungsmöglichkeiten sind viele noch Lernende. Quasi Kinder die ausprobieren. Die Einen haben die Angst als Eltern und gehen deshalb nicht in die große böse Onlinewelt. Andere rennen einfach auf die Straße ohne zu schauen. Das dies beides Quatsch ist und niemanden auf Dauer weiter bringt, sollte auch klar sein. Es geht nicht darum ob wir online sind, sondern, wie wir online sind.

Wie fast überall braucht es ein reflektiertes Mittelmaß. Wie fast überall kommt man mit Wissen und selbständigem Denken weiter. Nur wenn Jugendliche und Erwachsene verstehen, wie die Kommunikation im Netz technisch und sozial funktioniert können sie sicher dabei sein. Die Bildungspolitik tut sich schwer dies in Formen zu gießen, da die alten Werkzeuge nicht funktionieren. Ein Internetführerschein der einmalig erworben wird und der dann vor allen Gefahren im Netz schützt, kann es nicht geben. Das muss ein Prozess sein der das ganze Leben dauert. Medienkompetenz heißt für mich ein positiv besetztes Grundrauschen zu haben, das mir hilft die richtigen Entscheidungen zu Fällen.

Der Mensch vergisst den Menschen

Neben der Technologie ist es ein ganz zwischenmenschliches Problem. In der Kohlenstoffwelt würde niemand in einem Café aufstehen, nur um allen entgegen zu schreien, dass der junge Mann am Nachbartisch einen riesigen Popel an der Nase hat. Im Netz kann man auf einen Fehltritt schon mal recht deutlich hingewiesen werden. Aber auch hier hat natürlich der Respekt vor anderen Menschen den Umgang zu bestimmen.
Gerade letzteres ist schwieriger zu lernen, da die Reaktion auf respektloses Verhalten im Netz nicht unmittelbar zu spüren ist. Niemand schaut böse, wird augenscheinlich sauer oder schlägt mal auf den Tisch. Die Kommunikation mit den meisten Menschen ist nicht so unmittelbar.

Zum anderen ist rüpelhaftes Verhalten scheinbar weniger auf eine Person zurück zu führen und kann dazu noch zustimmende Unterstützer finden. Jedoch auch dies ist eine Folge der Technologieunkenntnis. Bewegungen und Äußerungen im Netz sind durchaus für die Verfolgung von Straftaten nachzuvollziehen. Die Mär vom Internet als rechtsfreien Raum ist völliger Blödsinn.

Die Problematik ist, dass es für die Lernerfahrung eine direktere Rückmeldung braucht, diese aber nicht durch mehr Einschränkung oder technische Gängelung geschaffen werden darf. Also muss ein Teil der Lösung das empathische Gefühl jedes Einzelnen sein. Dazu noch die Frage: Wollte ich, dass jemand anderes das mit mir macht?

Lernende sind keine Kinder

Die im Netz unerfahrenen, also diejenigen Menschen die in die digitale Welt hereinwachsen sind keine Altersgruppe. Das sind Kinder und Jugendliche genauso wie Erwachsene jeden Alters. Genau so sind die Lehrenden unterschiedlich alt. Damit funktioniert Medienpädagogik nicht wie Mathematik im 20. Jahrhundert: Alt, wissend und autoritär versus jung, dumm und unterwürfig.

Medienwissen muss in einer Atmosphäre weitergegeben werden die kollegial ist, nicht bewertet und Fehler zulässt. Sie kann deshalb nicht nur in der Schule geleistet werden, sondern muss sich auch über Freizeit, Sport, Vereine und Beruf fortsetzen.

Benehmen wir uns nicht wie Lehrer, sondern wie Menschen

Wir Netzmenschen sind ein großer Schlüssel zum Erfolg. Wenn es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, dann müssen wir vom hohen Ross des Wissens runter steigen und Teil der Gesamtgesellschaft werden. Nicht überheblich abtun, sondern interessiert zuhören und erzählen. Wir müssen die Menschen mitnehmen und nicht hinterherziehen.

Das wäre auch eine Lösungsmöglichkeit für Jakob gewesen: Die Lehrer, Eltern, Freunde und er hätten sich Zeit nehmen müssen miteinander zu reden ohne sich Vorwürfe zu machen. Einmal zurück lehnen und den Kern des Problems betrachten. Aber alle waren beschäftigt, hatten ihre eigenen Probleme und Interessen.
In diesem Falle haben alle gelitten.

Homevideo gibt es zur Zeit noch in der ARD Mediathek. Sinnvollerweise sollte er aber auch demnächst irgendwo sonst zu bekommen sein.

CC BY-SA 3.0 DE
Inhalte auf raphabreyer.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Näheres im Impressum ). Der Artikel „Das Internet vergisst nicht – Deshalb muss der Mensch denken“ (Text) steht unter der CC BY-SA 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Rapha Breyer.

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