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Unterschiedliche Maßstäbe

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Stellen wir uns einen Agenturmitarbeiter in einer deutschen Stadt vor. Er verdient, am Durchschnitt gemessen, viel Geld. Das ist ok, er arbeitet ja auch gut und viel. Es ist eine meist ungeschriebene Abmachung, dass er abends länger bleibt um Projekte abzuschließen. Hoffentlich bekommt er die Überstunden bezahlt, wahrscheinlich bekommt er am Jahresende einen Bonus. Das er an fünf Arbeitstagen mehr als 50 Stunden arbeitet stört ihn zwar manchmal, aber das Geld macht es erträglich.

In Deutschland ist dieses Verhalten gesellschaftlich akzeptiert. Auch das jammern darüber. Der Mensch will vorankommen, Geld verdienen, er nutzt dafür seine Möglichkeiten.

Szenenwechsel: Indische Näherei. Ein Näher in Tiruppur. Er verdient, am Durchschnitt gemessen, viel Geld. Das ist ok, er arbeitet ja auch gut und viel. Er macht immer wieder Überstunden um Projekte abzuschließen. Für ihn ist das in Ordnung, er bekommt die Überstunden bezahlt. Am Ende des Jahres bekommt er einen Bonus, wenn sein Unternehmen Gewinne abwirft. Das er an sechs Tagen in der Woche auch mal 60 Stunden arbeitet stört ihn zwar manchmal, aber das Geld macht es erträglich.

Gesellschaftlich ist das Verhalten in Indien akzeptiert. Es wird viel gearbeitet, das ist schon immer so. Eine Freizeitkultur gibt es eher weniger. Der Mensch will vorankommen, Geld verdienen, er nutzt dafür seine Möglichkeiten.

Zwei ähnliche Fälle, die aber in unserer westlichen Bewertung stark auseinander fallen:

Der Agenturmitarbeiter ist ein Mensch, der seine Zeit und Arbeitskraft investiert um im Leben voran zu kommen. Der Näher wird ausgebeutet und leidet für unsere Konsumgesellschaft.

Wir gestehen dem indischen Näher also nicht zu, wonach hier viele Menschen streben: Mehr Geld zu verdienen und dafür auch mal persönliche Dinge hinten an zu stellen.

Natürlich ist es wichtig die oben beschrieben Situationen klar von unterbezahlter Arbeit und wirtschaftlicher quasi-Zwangsarbeit abzugrenzen. Es ist eine ganz andere Diskussion, wenn der Näher aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen ist, da er sonst das Überleben seiner Familie nicht sichern kann. Das ist genau so verwerflich wie Menschen die in Deutschland mehrere Jobs haben müssen um leben zu können.

Was mich an der Debatte zu Arbeitszeiten und Löhnen in der Textilindustrie immer wieder stört ist, dass wir nicht die Menschen dahinter sehen, die Bedürfnisse haben, welche über Grundbedürfnisse hinausgehen und die sie sich mit mehr Einsatz erarbeiten wollen. Diese Bedürfnisse können kulturell auch sehr unterschiedlich sein, als das was wir uns darunter vorstellen. Wir berechnen wie viel Geld sie zum Überleben brauchen. Geld zum Leben und einen eigenen Willen stehen wir ihnen aber nicht zu.

CC BY-SA 3.0 DE
Inhalte auf raphabreyer.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Näheres im Impressum ). Der Artikel „Unterschiedliche Maßstäbe“ (Text) steht unter der CC BY-SA 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Rapha Breyer.

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