Nachhaltigkeit
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Wir sind die Gesellschaft, wir sind die Politik

173H

Immer wieder kommen Menschen auf mich zu und erzählen mir fast entschuldigend, warum sie dieses oder jenes nicht nachhaltige Produkt gekauft haben. Ich frage sie nicht danach und bewerte Menschen auch nicht anhand ihrer Kaufentscheidung, aber natürlich freue ich mich darüber, dass Menschen mich in irgendeiner Weise als Instanz wahrnehmen. Warum ich glaube, dass es wichtig ist, dass der Einzelne was tut.

So ähnlich beginnt auch die Geschichte von Rainer Meyer „Ökologischer Fußabdruck: Warum es FALSCH ist, den Einzelnen für die ökologische Zukunft in Verantwortung zu nehmen“ die mich bewogen hat, das hier aufzuschreiben. Dabei erzählt er einem Freund von seiner neuen Terrasse, aus Tropenholz. Im folgenden verweigert er sich einer Diskussion zur Verantwortung auf individueller Ebene, ohne natürlich noch auf die Leichen im Keller seines Freundes hinzuweisen. Er will lieber, dass die Politik das über politische Konzepte in Brüssel, Berlin oder Bonn [sic!] das löst. Jedoch nicht die „vermeintliche Ökopartei Die Grünen“, sondern linke Konzepte mit Parteien „die nicht nur Links heißen, sondern auch Links handeln“.

Ich gehe davon aus, dass sich Meyer nach diesem letzten Satz ordentlich auf die Schulter geklopft hat. Das ganze Problem mit der individuellen Verantwortung in nur gut 800 Wörtern gelöst.

Ich kann dieser Argumentation allerdings nicht folgen. Die Zeit der großen Ideologien welche die Politik bestimmen ist vorbei. Ich glaube es sind die vielen einzelnen kleinen Schritte in die richtige Richtung, welche die Welt verändern.

Die Erklärungen der Menschen in meiner kleinen Filterbubble fangen selten damit an, dass mir gesagt wird, dass persönliches nachhaltiges Konsumieren sowieso nichts bringt. Das finde ich gut, da wir uns auf einen gemeinsam gültigen Ansatz einigen müssen, was guter Konsum ist und was nicht. Die meisten glauben auch nicht, dass sie mit ihrer Konsumentscheidung die Welt retten, aber dass sie damit einen kleinen Beitrag dazu leisten. Den größeren Beitrag leisten sie sowieso dadurch, dass gute nachhaltige und faire Konsumkonzepte und Ideen finanziellen und ideellen Rückenwind bekommen oder dadurch erst möglich werden. Ich glaube außerdem, dass genau dies der Tippingpoint sein kann, wenn es darum geht politische und institutionelle Lösungen zu finden. Die Politik [sic!] und große Organisationen kommen ja nicht im luftleeren Raum dazu Fairen Handel zu fördern oder nachhaltige Produkte in Erwägung zu ziehen. Sie sind davon abhängig, welche Stimmung herrscht und welche Rückmeldungen sie zu Gesetzgebung und Beschaffungsentscheidungen bekommen. Ohne Vorbild keine Handlung, ohne Handlung keine Veränderung.

Gerade deshalb stören mich Zwischenrufe von Rainer Meyer oder auch Kathrin Hartmann, die mit ihrem bei Adorno entliehenen Mantra „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ durch die Lande zieht und sagt, von Einzelentscheidungen und dem Einzelnen an sich kann keine Veränderung kommen. Für mich gibt es in der Nachhaltigkeit kein entweder oder, sondern ein eher in diese Richtung oder eher in jene Richtung. Das ist keine Punshline, ich weiß, aber so ist das eben bei komplexen Fragestellungen.

Konsumentinnen haben die Macht etwas zu verändern. Nicht alleine, sondern durch kollektive Verhaltensänderung, die Vorbildfunktion und den dadurch entstehenden Handlungsdruck auf Unternehmen und politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger.

CC BY-SA 3.0 DE
Inhalte auf raphabreyer.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Näheres im Impressum ). Der Artikel „Wir sind die Gesellschaft, wir sind die Politik“ (Text) steht unter der CC BY-SA 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Rapha Breyer.

2 Kommentare

  1. Marc Michalsky sagt

    Hallo Rapha,

    Du hast vollkommen Recht! Trends bestimmen unsere Kleidung und deren Marken, unser Schönheitsideal, unsere Frisuren, unsere Freizeitaktivitäten, Autos, Musik und vieles mehr. Warum sollte “fair & öko” als Trend also nicht ausschlaggebend für gesellschaftliches Umdenken und Veränderung sein? Sogar Jutebeutel haben bereits Einzug genommen in jugendliche Subkulturen ;-)

    Ganz entlassen möchte ich unsere politischen Entscheidungsträger aus ihrer Verantwortung jedoch nicht. Schließlich entscheiden diese regelmäßig gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung; z.B. wenn es um Rüstungsexporte in Krisenregionen geht, die laut einer Studie von Amnesty International (2013) zwei Drittel der Deutschen ablehnen. Mit einem Umdenken der Bürger ist es also alleine auch nicht getan.

    Liebe Grüße
    und GUT PFAD!

    Marc

  2. Toller Beitrag! Ich sehe es genauso. Der Konsument kann etwas verändern. Wenn niemand mehr Produkte aus Ausbeuterbetrieben etc. kauft, sind diese gezwungen, ihr Vorgehen zu ändern. LG, Tamara

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