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Gleiches Recht für alle?

Juri Gleiches Recht 840 pix

Ich stehe am Bahnsteig in Stuttgart und rauche. Das funktioniert hier ganz gut aus dem Zug auszusteigen und dies während des Fahrtrichtungswechsels zu tun. Mich spricht ein junger Mann an, vielleicht Ende Zwanzig, südländisches Aussehen, er riecht ein bisschen. Er fragt mich, ob der Zug nach Frankreich fährt. Ich verneine und sage ihm, dass der ICE nach Mannheim und dann nach Köln fährt. Er nickt anerkennend und steigt ein. Ich auch, wieder an meinen Platz im anderen Wagen lese ich weiter in meinem Buch. Zehn Minuten später kommt die Zugbegleiterin zu den Plätzen neben mir, auf welchen seit München eine Polizistin und ein Polizist sitzen, und spricht mit ihnen. Ich höre nicht, was sie sagt. Sie gehen mit ihr. Ich sehe sie im Übergang zwischen zwei Wagen stehen und mit jemandem sprechen. Nach ein paar Minuten fällt mir der Kerl aus Stuttgart wieder ein. Sofort gehe ich davon aus, dass die mit ihm sprechen. Ich zögere hin zu gehen. Auf der einen Seite will ich mich nicht als Gutmenschenpolizei aufspielen, auf der anderen könnte ich ihm auch einfach das Ticket bezahlen, falls er keins hat. Ich zögere weiter und beobachte die Menschen, die um die Situation herumstehen. Es wirkt alles ruhig und gesittet. Keine Aufregung. Das ist schon alles ok, denke ich. Ich bleibe sitzen. Ich sitze ja auch am Fensterplatz und neben mir ein Typ mit 1000 Sachen auf dem Tisch. Was ein Aufwand jetzt aufzustehen. Aber der Typ, hm. Es dauert fünf Minuten, bis ich mich dafür entscheide jetzt einfach doch mal hinzugehen.

Der junge Mann, er heißt nicht Juri, aber ich nenne ihn jetzt mal so, steht umringt von der Zugbegleiterin, der Polizistin und dem Polizisten in der Tür. Juri schaut mich an und erkennt mich. Er lächelt ein bisschen verstohlen, aber unsicher. Ich frage die Zugbegleiterin, was das Problem sei. Sie meint, er habe keinen Fahrschein. Ich biete ihr an, diesen für ihn zu kaufen. Die Polizistin und der Polizist schauen mich an. Ich frage, ob dies das Problem lösen würde. Er erwidert, die Bahn habe eine Strafanzeige gestellt. Der würden sie nachgehen. Juri habe keinen deutschen Wohnsitz. In meinem Kopf läuft der racialprofiling-Film ab: Hast du kein Ticket und siehst südländisch aus, dann kann ja irgendwas nicht stimmen. Doch dann fügt der Polizist hinzu: Er kommt aus Rumänien. Das macht mich ein bisschen stutzig. Wo dann das Problem sei, wenn ich ihm ein Ticket kaufen würde, frage ich. Er müsste einen Bordaufschlag bezahlen, sagt die Zugbegleiterin. Ich zücke meinen Geldbeutel und gebe zu verstehen, dass es daran nicht scheitern würde. Sie zögert und sagt, dass die Polizei jetzt schon Ermittlungen aufgenommen hat. Er würde in Mannheim an die Bundespolizei übergeben werden. Wir stehen schon im Güterbahnhof in Mannheim. Ich versuche den Ton zu ändern, der trotz meiner Aufregung eigentlich recht ruhig war. „Können wir das nicht einfach gut regeln? Ich bezahle den Fahrschein mit Aufpreis, die Bahn zieht ihre Anzeige zurück und die Polizei stellt ihre Ermittlungen ein.“, schlage ich vor. Die Zugbegleiterin verneint. Das könne sie nicht machen. Eine umstehende Frau mischt sich ein und sagt: „Vor ein paar Minuten wäre das aber doch gegangen, oder?“ Stille. „Wir übergeben ihn am Bahnsteig an die Bundespolizei.“, merkt die Polizistin an. Ich merke, dass sie da nicht mit sich handeln lassen. Ob sie das dürften und könnten, weiß ich nicht. „Bringt es etwas für die polizeiliche Ermittlung, wenn er gleich bei der Bundespolizei einen Fahrschein hat?“, frage ich nach. Der Polizist sagt, dass dies sicher nicht schaden würde. Ich bitte die Zugbegleiterin mir einen Fahrschein von Stuttgart nach Mannheim zu verkaufen. Sie blickt nur auf den Boden. Der Zug fährt in den Hauptbahnhof von Mannheim ein.

Ich hole meine Sachen von meinem Platz und steige mit aus. Die Bundespolizei ist noch nicht da. Der Polizist erklärt der Zugbegleiterin, dass der Zug erst weiter fahren könne, wenn sie Juri übergeben haben. Sie müssten ja weiter mitfahren. So stehen wir da. Ich habe Zeit in mich zu spüren und eigentlich fühlt es sich ok an, was ich hier mache. Ein bisschen aufgeregt bin ich. Ich komme mit Juri ins Gespräch. Ich stelle mich vor und frage ihn, ob es ok für ihn ist, wenn ich hier dabei bin und ihm helfe. Er bejaht dies und sagt mir, wie er heißt. Wir plaudern weiter. Fünf Minuten nach geplanter Abfahrt kommt ein Mann aus dem Zug und fährt mich an: „Jetzt hör mal auf mit dem Scheiß, wegen dir steht jetzt hier ein Zug mit 1000 Menschen, die alle ihren Anschluss bekommen müssen.“ Ich erkläre ihm, dass wir nicht wegen mir hier stehen, sondern weil die Polizei auf die Bundespolizei wartet. „Nein, das ist wegen ihnen, weil Sie sich hier einmischen.“ Ich schaue den Polizisten an und bitte ihn, meine Erklärung zu bestätigen. Er sagt nichts. Der Mann tritt an mich heran. Erst jetzt geht der Polizist dazwischen und bittet den Mann wieder in den Zug zu steigen. Ich fühle mich ein bisschen blöd und alleine gelassen. Das ist mir in dem Moment aber egal. Ich gehe in den Raucherbereich und rauche eine Zigarette. Ein Mann in meinem Alter spricht mich an, ich erzähle ihm, was los ist. „Ich finde cool, dass du das machst“, sagt er. Ich bedanke mich ein bisschen verschämt, aber doch stolz.

Die Bundespolizei taucht auf. Der Polizist sagt zu mir, ich solle jetzt mal zweieinhalb Meter Abstand halten. Sie würden eine dienstliche Aktion durchführen. Ich befolge das. Die Polizistin erklärt der Bundespolizei den Fall. Der eine Beamte fragt sie, was ich damit zu tun hätte. Ich wolle das Ticket des Mannes bezahlen, meint sie. Der Bundespolizist schaut verdutzt. Die Polizei steigt in den ICE ein, der Zug fährt ab.

Juri läuft vorne mit dem einen Beamten, der andere hinten mit mir. Ob wir uns kennen will er wissen. „Ja, seit 15 Minuten.“, antworte ich. Er erklärt mir, dass eine Zahlung des Tickets nur das zivilrechtliche Verfahren zwischen der Bahn und Juri beenden könnte, dass es aber nun zusätzlich ein Strafverfahren gibt, weil sich Juri nach §265 StGB Leistungen erschlichen hätte. Die Bahn könne das jetzt auch nicht mehr stoppen. Das wäre wie wenn ich eine Körperverletzung anzeigen würde und diese Anzeige dann zurückziehen würde, dann würde die Polizei auch weiter ermitteln. Das leuchtet mir ein, es kommt mir trotzdem so vor, als würde hier versucht, Spatzen mit Kanonen zu erlegen. Ich frage mich, ob es eine Rolle spielt, dass Juri ausländisch aussieht.

Vor der Dienststelle der Bundespolizei erklärt mir der Beamte, dass sie jetzt Juris Personalien aufnehmen würden und ihn zu Sache fragen. Ich solle warten, das dauere 20 Minuten. Ich bitte ihn bei all dem zu beachten, dass ich das Ticket bezahlen würde, wenn es nötig wäre. Er bedankt sich und sagt ich solle einfach warten. Da stand ich da. Ich rief einen Freund an, um ihm das alles zu erzählen. Ich war immer noch recht aufgeregt.

15 Minuten später kommt Juri raus. Er lächelt und hat ein paar Zettel in der Hand. „Alles ok.“, sagt er. „Die haben dich einfach gehen lassen? Und dafür dieser Aufstand?“, frage ich. Er zeigt mir die Zettel. Das eine ist die Benennung eines Zustellungsbevollmächtigten. Weil er keinen gemeldeten Wohnsitz hat, ist das Amtsgericht in Stuttgart jetzt seine Adresse. Da steht auch drauf, was ihm vorgeworfen wird. Wie der Bundepolizist schon gesagt hat, geht es um das Erschleichen von Leistungen, was nach §265 a StGB eine Straftat ist. Das andere ist die Belehrung von zur Identitätsfeststellung festgehaltenen Personen. In Filmen ist das die „sie haben das Recht zu schweigen“-Geschichte. Dazu hat er noch eine Fahrpreisnacherhebung von der Bahn in der Hand: 78 €. „Willst du das bezahlen?“, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Und jetzt? Wo willst du schlafen?“ „Hier irgendwo. Wo soll ich denn hin?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Sollen wir was essen gehen?“ „Ja“, nickte er.

Wir kauften beim Bäcker zwei Wasser und zwei Brezeln und setzen uns auf eine Bank. Dort erzählte er mir, dass er in Rumänien keinen Job habe, schon lange nicht mehr und dass es ihm deshalb sehr schlecht dort ginge. Es sei jetzt seit vier Tagen unterwegs und wolle nach Frankreich oder Spanien. „Da ist es nachts wärmer.“ Außerdem suche er Ruhe, um seine Mitte zu finden. Er wirkte zufrieden, als er das sagte. Ein paar Minuten später verabschiedete ich mich von ihm, weil ich den nächsten Zug nach Köln nehmen wollte. Ich dankte ihm für das Gespräch und steckte ihm 10 Euro zu, die er zögerlich annahm. Außerdem wies ich ihn darauf hin, dass er 25 Cent pro Flasche Pfand bekäme. Es sah sich die Flasche an und zog verwundert die Augenbrauen hoch.

Im Zug dachte ich dann darüber nach, ob das jetzt gut war oder nicht, was ich gemacht hatte. Mir war schnell klar, dass es auf jeden Fall kein Ding für mich war, da jetzt ein paar Euro auszugeben. Ich hatte auch den Eindruck, dass ihm das Gespräch, das Wasser und die Brezel gut getan haben. Im Nachhinein war es vielleicht nicht dringend erforderlich, dass ich so eingestiegen bin. Also zumindest nicht für die offizielle und strafrechtliche Sache. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Auf der anderen Seite kann es natürlich auch sein, dass Juri das alles ganz bewusst gemacht hat. Ohne Ticket einsteigen, vom Zugpersonal aufgreifen lassen, an die Bundespolizei übergeben lassen und dann 20 Minuten später wieder frei sein. Und in Mannheim. Dann wäre ich der unwissende Gutmensch, der seinen Plan naiv begleitet und unterstützt hat.

Fünfe gerade sein lassen
Im Prinzip haben alle Beteiligten genau nach Vorschrift gehandelt. Die Bahnmitarbeiterin musste den Fahrpreis nacherheben und wenn der Fahrgast nicht bezahlen will, dann muss sie wohl eine Strafanzeige stellen. Die Polizei im Zug sind der Anzeige nachgegangen und haben den Verdächtigen an die Bundespolizei übergeben. Diese wiederum haben die Anzeige aufgenommen, einen Wohnsitz zugewiesen und den Verdächtigen dann wieder laufen lassen.
Aber was hat es schlussendlich gebracht? Nichts.

Juri wird das im Leben nicht bezahlen. Es gab einen riesen Aufwand für nichts und wieder nichts. Dabei hatten doch alle Beteiligten Entscheidungsmöglichkeiten, die allen weitergeholfen hätten. Aber alle waren so in ihrem Pflichtbewusstsein gefangen. Hätte die Zugbegleiterin signalisiert, dass ich ihr ein Ticket abkaufen hätte können, hätte sie vor der Polizei gezeigt, dass sie nicht nach den Vorschriften handelt. Hätte die Polizei zur Zugführerin gesagt, dass es ja möglich wäre, dass ich ein Ticket kaufe, wäre es andersrum gewesen. Klassisches Kooperationsdilemma.

Der Einzige, der negative Folgen hat, ist Juri. Sein Weg zurück in die Gesellschaft, sollte er ihn mal angehen wollen, ist nun beschwert mit einer 78 € Fahrpreisnacherhebung von der Bahn, die über die Jahre sicherlich wachsen wird. Damit ist er dann wohl raus.

CC BY-SA 3.0 DE
Inhalte auf raphabreyer.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Näheres im Impressum ). Der Artikel „Gleiches Recht für alle?“ (Text) steht unter der CC BY-SA 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Rapha Breyer.

1 Kommentare

  1. Einen angenehm selbstkritischen und nüchternen Text hast Du da verfasst.

    Angenehm, weil ich momentan bei vielen Blogposts und Artikeln genau diese Selbstreflexion vermisse. Der Trend geht dahin, dass die Menschen Dingen aus Prinzip absolut zustimmend oder ablehnend gegenüberstehen. Die Diskussion geht dann auch meist nicht über ein gegenseitiges Geplänkel hinaus.

    Seinen moralischen Kompass richtig zu handhaben ist schwierig. Du beschreibst das wunderbar; es ist dieses kurze Innehalten und Überdenken des eigenen Handelns. Du gehst ja sogar so weit und gestehst Dir ein mögliches Fehlverhalten ein, was – wie ich finde – sehr vielen Mutes bedarf!

    Ich wünschte mir, dass wir uns allgemein in Deutschland eine solch differenzierte und selbstkritische Betrachtungsweise zu eigen machen würden; damit wäre viel erreicht.

    Zur Sache:
    Vielleicht hat Deine Intervention objektiv nicht viel genutzt, aber woher hättest Du das vorher wissen sollen? Ich habe einige Male Geflüchtete zu Behördengängen begleitet. Hinterher sagten sie mir, dass schon meine alleinige Anwesenheit einige Gesprächsverläufe von Grund auf verändert habe.

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