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Preis eines T-Shirts – günstiger als die Wahrheit

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Seit mehreren Wochen verfolgen mich Zahlen einer Graphik, die ich zuerst auf der schön gemachten, aber inhaltlich mindestens fragwürdigen Seite des WDR zur Textilproduktion gesehen habe. Unter der Überschrift „Kosten, Lohn, Gewinn“ werden dort die Kosten eines T-Shirts prozentual aufgeschlüsselt. Mich haben dabei vor allem zwei Dinge verwundert: Erstens fehlen dabei die Materialkosten (sehr wahrscheinlich Baumwolle) komplett und zweitens wird keine valide Quelle genannt. Über der Graphik steht lediglich: „Nach Zahlen von TransFair“ mit einem Link zur Seite von Fairtrade Deutschland. Auf dieser Seite finden sich die Zahlen jedoch nicht.

Quelle: WDR, Kleidung in Zahlen – Über Mengen, Löhne und Marktanteile

Heute stieß ich dann auf den Link zum „Wegweiser faire Kleidung“ der von mir geschätzten Grünen Europapolitikerin Ska Keller. In der ansonsten durchaus lesenswerten Broschüre fiel mir gleich eine Infographik mit der Überschrift „Kaufpreiszusammensetzung eines T-Shirts“ (S.5) auf. Die Zahlen sind exakt dieselben wie in der Übersicht des WDR. Auch hier kein Hinweis auf Materialkosten. Die Quelle ist jedoch eine andere. „Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und Kik? Eine Studie der Kampagne für saubere Kleidung.“, steht darunter.

Quelle: Ska Keller, Wegweiser Faire Kleidung

Da hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Wo kommen diese Zahlen her? Wer hat sie erhoben und was steckt dahinter?

Herr Google wusste bescheid: Tatsächlich gewinnen die Mitarbeitenden von Ska Keller die 100 Punkte für richtiges Hinweisen auf Quellen. Die Zahlen stammen aus der „Studie“ der Kampagne für Saubere Kleidung aus dem Jahre 2008.

In dieser Publikation wird einmal alles besprochen, was in irgendeiner Weise einen Zusammenhang zwischen Discountern und Textilen erahnen lässt. Wie funktionieren Discounter? Wer verdient eigentlich das Geld? Arbeitsrechtsverletzungen bei den Zulieferern und auch die schlechten Löhne für die Verkäuferinnen und Verkäufer bei Lidl und Kik in Deutschland. Und dazwischen nun ein schönes Tortendiagramm mit sehr ungleich verteilten Stücken. (S.5) Besonders anklagend: Lohnkosten 1 %. Da diese Graphik keine Quelle aufweist, gehe ich davon aus, dass sie der Ursprung ist.

Quelle: Kampagne für Saubere Kleidung, Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und Kik?

Im Studium habe ich gelernt, dass es nicht reicht, eine Quelle zu nennen, diese muss auch ihrerseits valide sein und in irgend einer Weise die Herkunft der Daten belegen oder ihre Erhebung beschreiben. Daran scheitert also besonders der WDR.

Schöne Bilder schaffen Wahrheit

Ich gehe davon aus, dass die Graphik in allen drei Fällen etwas erzeugen will: Ein Mitleidsgefühl für die armen Arbeiterinnen und Arbeiter die von dem einen Prozent sicher nicht leben können. Das ist inhaltlich berechtigt, aber die dilettantische Trampeligkeit der Daten rund herum macht mich sauer.

Eins nach dem anderen, zäumen wir das Pferd von hinten auf:

50% Gewinn und Kosten des Einzelhandels

Das ist der größte Einzelposten. Und er liegt auch am nächsten bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Der Wert ist jedoch falsch und irreführend. So sind 16% vom EndverbraucherInnen-Bruttopreis die Mehrwertsteuer (19% vom Nettopreis). Vom anderen Teil werden Kosten für Miete, Lager, Strom usw. gedeckt. Auch hier sind Lohnkosten enthalten. Diese werden jedoch richtigerweise nicht auf den Posten Lohnkosten verbucht, weil ja gezeigt werden soll, wie viel Lohn bei den Produzierenden bleibt. Ansonsten ist der Deckungsbeitrag (mein BWL-Lehrer würde sich vor Freude im Grab umdrehen – wenn er denn schon tot wäre oder das hier lesen würde) für den Handel eher gering kalkuliert. Um auf den Verkaufspreis zu kommen, rechnet man im Normalfall: Einkaufspreis plus 120% plus 19% MwSt.

25% Markenwerbung

Was dieser Punkt bedeuten soll weiß ich nicht. 25% des Bruttoumsatzes für Werbung? Das kann nicht sein. Das sind Red Bull Dimensionen und die bezahlen damit Menschen im All und zwei Formel 1 Teams. Lidl oder Kik machen zwar viel Werbung, aber das scheint mir unrealistisch. Was diese 25% sein könnten, sind Großhandelskosten wie Vertrieb und AußendienstlerInnen, Agenturen in den Produktionsländern und ProduktionsmanagerInnen. Dazu noch ein bisschen Werbung. Realistischer: 15% Großhandels- und Produktionsmanagementkosten, 10 % Werbung und Marketing.

11% Transport und Steuern

Wer aufmerksam gelesen hat und rechnen kann, sieht: Da können die 16% MwSt nicht drin stecken. Gemeint sind hier eher Transportkosten und Zölle. Der Zoll nach Deutschland kostet 9,6 – 12 % vom Einfuhrwert (1). Auf die Gesamtkosten gerechnet sind das etwa 5 %. Dazu noch Transport – bei großen Stückzahlen vielleicht noch einmal 6%.

13% Fabrikkosten

Hier müssen sie also drin sein, die Materialkosten. Wahrscheinlich sind das alle Kosten, die bis zum Verladehafen anfallen (FOB – free on board), ohne die direkten Lohnkosten in der Produktion. Ein Teil davon ist das Material. Vereinfacht kann man sich Stoff vorstellen, obwohl ja auch im Rahmen der Stoffkosten schon Lohnkosten für BaumwollpflückerInnen, FärberInnen usw. angefallen sind. Dazu kommen sogenannte Overhead-Kosten, das sind die nicht direkt auf ein einzelnes Produkt umlegbaren Kosten der Produktion. Beispielsweise fallen darunter Miete für Produktionshalle und Lager, Maschinen, Strom und solche Dinge. Natürlich kommen bei einer gut ausgelasteten und ordentlich geführten Näherei auch das Einkommen des Geschäftsführers und etwaige Gewinne dazu.

1% Lohnkosten

Der kleinste Teil geht laut der Graphik aus der Studie nun an die Näherinnen und Näher. Richtigerweise müsste dieser Punkt „Lohnkosten in der Konfektion“ heißen. Denn wie oben schon bemerkt, können die Lohnkosten für Baumwollbauern/-bäuerinnen und auch der Verkaufsmitarbeiterinnen und Verkaufsmitarbeiter in Deutschland nicht enthalten sein. Selbst für ein Shirt von Kik ist jedoch die prozentuale Angabe viel zu niedrig. Verkaufspreis 4,99€ ergeben bei 1% Lohnkosten in der Konfektion gerade einmal 5 Cent. Es sind aber bei solchen Shirts wohl eher 20 Cent. Wichtig ist jedoch, dass selbst diese 20 Cent prozentual zwar mehr von der Summe wären, aber natürlich trotzdem eine Frechheit sind. Es geht mir also nicht darum das zu rechtfertigen, sondern zu zeigen, wie schlecht die Zahlen sind, die hier verwendet werden.

Conclusio

Zusammengefasst würde ich also sagen, dass die Zahlengrundlage falsch ist, die Zahlen mindestens irreführend zusammengefasst sind und damit dem Leser, wie auch der Leserin, keinen Mehrwert bieten. Nun geht es aber der „Studie“ der Kampagne für Saubere Kleidung, anders als der Name es suggeriert, eben vor allem darum, eine Kampagne gegen „schmutzige“ Kleidung zu sein. Dies weckt bei mir Verständnis für eine Zuspitzung in einer kurzen knackigen Graphik, aber dann doch bitte auf eine clevere Art und Weise, von der Leserinnen und Leser einen Mehrwert haben und sich dann fundiert und informiert über diese menschenverachtenden Machenschaften aufregen können.

Schade finde ich zudem, dass diese Propaganda weder Ska Keller, noch – und das schätze ich als viel fataler ein – den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des WDR aufgefallen ist. Letztere haben viel Geld für tolle interaktive Graphikelemente in die Hand genommen und dabei scheinbar die kritische Recherche einfach weggelassen.

So könnte eine solche Graphik nach getaner Recherchearbeit aussehen. Die Zahlen sind hier frei erfunden, schöner wäre das Diagramm allerdings mit richtigen Zahlen.

Eigene Darstellung

Ergänzung:

Ich habe die Zahlen noch in einer Graphik der Greenpeace Magazin Textil-Fiebel von 2009 gefunden. Dort wird die Kalkulation einfach auf eine Jeans übertragen. Immerhin werden einzelne Kostenstellen genauer beschrieben.

Hier für 9,90 € bestellbar: http://www.greenpeace-magazin.de/magazin/archiv/2-09/medien/

Quelle: Greenpeace Magazin/Textil-Fiebel

Nachtrag 28. Januar 22:30:

Mir sind die Zahlen nochmals begegnet. Das ARD Mittagsmagazin hat sie ohne Quellenangabe, aber immerhin mit schönen Bildern in ihr Onlineangebot gestellt.
Ich habe die Redaktion angemailt um deren Quelle zu erfahren.

Nachtrag 28. Januar 23:00

Es ist alles viel schlimmer.
Weitere Verwendung der Zahlen:
Fairbrechen.de benutzt die Zahlen für ein pädagogisch wertvolles Bastelspiel, jedoch mit komplett anderen Benennungen der Prozentwerte.

Update 29.01.
Das ARD Mittagsmagazin hat mir auf Nachfrage die Übersicht des WDR als Quelle genannt. Fairtrade Deutschland hat auf Nachfrage gesagt, dass die Zahlen nicht von ihnen sind. Das ist jedoch auf den WDR Seiten angegeben.
Es bleibt spannend und Abgründe tun sich auf.

Quellen:

(1) Zollbestimmungen für Textilwaren aus Indien.
http://ec.europa.eu/taxation_customs/dds2/taric/measures.jsp?Lang=de&SimDate=20140128&Area=IN&Taric=61091000&LangDescr=de

Dokumente:

Kleidung in Zahlen – Über Mengen, Löhne und Marktanteile
WDR
http://data.wdr.de (gesehen 27.01.2014)

Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und Kik?
Kampagne für Saubere Kleidung
http://www.saubere-kleidung.de/downloads/publikationen/2008-01_Brosch-Lidl-KiK_de.pdf (gesehen 27.01.2014)

Wegweiser Faire Kleidung
Ska Keller
http://ska-keller.de/images/stories/service/pub/20131116-einkaufsführer-06.pdf (gesehen 27.01.2014)

Ein T-Shirt um jeden Preis?
Fairbrechen
http://www.fairbrechen.de/uploads/media/T-Shirt_2009.pdf
(gesehen 27.01.2014)

CC BY-SA 3.0 DE
Inhalte auf raphabreyer.de stehen i.d.R. unter freier Lizenz (Näheres im Impressum ). Der Artikel „Preis eines T-Shirts – günstiger als die Wahrheit“ (Text) steht unter der CC BY-SA 3.0 DE Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Rapha Breyer.

5 Kommentare

  1. Andreas Bierod sagt

    Schön recherchiert… aber deine Quelle (also woher du z.B. die Zahlen für Zoll, Material, Lohnkosten etc.) hernimmst zeigst du auch nicht ;)

  2. rapha_b sagt

    Hallo Andi. Vielen Dank. Die Quelle für den Zoll habe ich eben nachgetragen.
    Die Werte für Lohnkosten in der Konfektion sind aus Erfahrung geschätzt, genauso die Materialkosten.

    Ich werde demnächst eine Aufschlüsselung der einzelnen Kostenstellen bei der Herstellung von 3FREUNDE Shirts zusammentragen und veröffentlichen.

    Hier ging es mir in erster Linie darum zu zeigen, dass die Werte schlecht sind und das dies durch ein bisschen nachdenken darüber auffallen kann.

  3. Das ändert nicht daran, dass im Trikont ArbeiterInnen unter grauenvollen Verhältnissen für einen üblen Hungerlohn für das hübsche billige T-Shirt schuften müssen.

  4. Caroline sagt

    Hallo Rapha,
    wieso liegt in deiner Graphik der MwSt-Satz bei 16 %?
    Danke für eine kurze Antwort!
    Caroline

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